Ozeane, die das Atmen verlernen

Ozeane, die das Atmen verlernen

Klimarelevanter Umweltfaktor; Ozeane, die das Atmen verlernen

Ob als Abrieb von Autoreifen, Faserreste aus synthetischer Kleidung oder zerfallenen Verpackungen, er ist da, der Kunststoff. Überall ist er Teil unseres Alltags, genutzt, weggeworfen, vergessen. Er hinterlässt als Mikroplastik ein unsichtbares Erbe, das die Welt um uns herum durchdringt.Kunststoff ist nicht zufällig da, sondern wird systematisch erzeugt, durch billige Materialien, mangelnde Regulierung und kurzlebige Produktdesigns.

Mikroplastik ist daher nicht nur ein Abfallprodukt, sondern ein direktes Resultat unserer linearen Wirtschaftsweise, die auf Verbrauch statt Vermeidung setzt.

Jede Tonne Kunststoff, die hergestellt wird, schadet unserem Klima mehrfach. Sie trägt zur Müllflut bei, verbraucht bei der Herstellung und Entsorgung viel Energie und setzt damit CO₂ frei. Damit ist es aber noch lange nicht getan.

 

Tiefsee-Flohkrebs wird nach dem Plastik in seinem Körper benannt

 

Beeinträchtigung der Kohlenstoffsenke Ozean

Die Ozeane binden große Mengen CO. Ein unverzichtbarer Puffer im Kampf gegen die Erderwärmung. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Phytoplankton, mikroskopisch kleine Algen, die durch Photosynthese Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen. Schätzungen zufolge fixieren sie jährlich etwa ein Viertel des menschengemachten CO₂-Ausstoßes und leisten damit einen immensen Beitrag zur Klimastabilisierung.

Wird dieses Plankton jedoch durch Mikroplastikpartikel geschädigt oder verdrängt, schwächt das gleich mehrfach die Fähigkeit der Meere, CO₂ aus der Atmosphäre zu ziehen. Mikroplastik reduziert die Lichtdurchlässigkeit des Wassers und hemmt dadurch die Photosynthese. Schadstoffe, die an den Partikeln haften, können zusätzlich in die Planktonzellen eindringen und dadurch ihre Funktion beeinträchtigen.

Doch die Störung endet nicht an der Wasseroberfläche. Phytoplankton-Zellen oder Fäkalien von Zooplankton, die mit Mikroplastikpartikeln vermischt sind, werden oft leichter und sinken langsamer oder bleiben durch veränderte Dichte sogar an der Oberfläche. Da das absinkende Material länger in oberen Wasserschichten bleibt, wird es von Mikroorganismen bereits dort zersetzt. Der gebundene Kohlenstoff wird wieder als CO freigesetzt, statt im Sediment zu landen. Im  Ergebnis heißt das, es wird weniger CO₂ dauerhaft im Ozean gespeichert und mehr verbleibt in der Atmosphäre. Mikroplastik schwächt damit die Klimafunktion der Meere, schleichend, aber wirksam.

Schwächung der Sauerstoffproduktion

Ein oft übersehener Fakt: Mikroorganismen im Meer, insbesondere die Gattung Prochlorococcus, produzieren bis zu zehn Prozent des globalen Sauerstoffs. Mikroplastikpartikel und die darin gelösten Schadstoffe können diese Mikroorganismen schädigen, ihr Wachstum und ihre Aktivität hemmen.

Wenn Mikroplastik das Wachstum und die Photosynthese von Phytoplankton hemmt, gibt es weniger organische Substanz, weniger Sauerstoffproduktion und gestörte marine Stoffkreisläufe, die in der Summe klimarelevante Auswirkungen haben.

Veränderungen in der Tiefsee 

Mikroplastik sinkt bis in die tiefsten Regionen der Ozeane. Selbst in über 9000 Metern Tiefe, wie etwa im Marianengraben oder Kurilen-Kamtschatka-Graben, wurden hohe Konzentrationen nachgewiesen. Die Tiefsee ist längst zu einem Endlager für Mikroplastik geworden. Was oberflächlich als „aus den Augen, aus dem Sinn“ erscheinen mag, ist in Wirklichkeit ein massiver Eingriff in ein empfindliches und klimarelevantes Ökosystem.

In der Tiefsee beeinflusst Mikroplastik die Zusammensetzung der Sedimente, verändert deren physikalische Struktur und chemische Eigenschaften. Besonders folgenschwer ist der Einfluss auf mikrobielle Gemeinschaften, die dort zentrale Funktionen übernehmen: Sie zersetzen organisches Material, regulieren den Sauerstoffverbrauch und steuern elementare Stoffkreisläufe. Drunter den Stickstoff-, Schwefel- und Methanhaushalt.

Mikroplastik greift in diese Prozesse ein. Es entstehen Störungen, die bis in die Atmosphäre zurückwirken:

  • Methanfreisetzung aus veränderten Sedimentbedingungen beschleunigt die Klimakrise, da Methan ein über 80-mal stärkeres Treibhausgas als CO₂ ist.
  • Die Stickstoffumsetzungen, insbesondere Denitrifikation und Nitrifikation, geraten aus dem Gleichgewicht. Dies hat Folgen für die Nährstoffverfügbarkeit, die biologische Produktion und die Bildung von Treibhausgasen.
  • Die Sauerstoffdurchlässigkeit im Sediment sinkt, was biologische Abbauprozesse verlangsamt und anaerobe also sauerstoffarme Bedingungen mit unvorhersehbaren Konsequenzen für die Stoffflüsse begünstigt.

 

Hinzu kommt, dass die Tiefsee eine Zone mit sehr langsamen Austauschprozessen ist. Einmal eingetragene Störungen oder Rückstände bleiben dort über Jahrhunderte bis Jahrtausende bestehen. Dies macht die Tiefsee besonders anfällig für Langzeitschäden. Und das in einer Region, deren Funktionsweise wir nur ansatzweise verstehen, die aber einen zentralen Teil des globalen Klimasystems bildet.

Technische Lösungen allein greifen zu kurz

Es gibt eine Vielzahl technischer Ansätze zur Mikroplastikbekämpfung, Müllsammelboote oder Forschung zu biologisch abbaubaren Kunststoffen. Doch die meisten diese Maßnahmen setzen erst an, wenn das Mikroplastik bereits entstanden ist.

Der Großteil gelangt beim Waschen, Fahren, Verpacken in die Umwelt. Dort greifen keine Filter. Eine Symptombekämpfung ist ineffektiv, wenn die Quelle weiter ungebremst Plastik ausstößt.

Ressourcenschutz als systemische Klimaschutzstrategie

Wollen wir die Mikroplastikflut stoppen, müssen wir den Ressourceneinsatz selbst ins Visier nehmen:

  • Vermeidung fossiler Kunststoffe,
  • Förderung langlebiger, kreislauffähiger Materialien,
  • strenge Produktregulierungen und
  • Innovationen im Verpackungsdesign.

 

Ein durchdachter Ressourcenschutz schützt nicht nur die Meere, sondern ist konkreter Klimaschutz. Weil er Emissionen vermeidet, Stoffkreisläufe erhält und Naturfunktionen stärkt.

Sind wir bereit für ein Umdenken?  Weg vom Reparaturmodus, hin zu präventivem Ressourcenschutz?

Für das Meer. Für das Klima. Für kommende Generationen.

 

Quellen:

Mikroplastik im Meer und seine Klimafolgen

Wie wir die Meere mit Plastik vermüllen und wie nicht

Kunst­stoff­abbau in mehr als 4000 Me­tern Was­ser­tie­fe

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Kommentare (1)

  • Tina14. November 2025

    Wir müssen endlich anfangen die richtigen Diskussionen zu führen, der Wissenschaft wieder mehr zu vertrauen und politisches Handeln zu hinterfragen.
    Wer profitiert eigentlich von einer politischen Entscheidungen? Kommt bei mir spürbar etwas an?
    Wir haben nur einen Planeten und wenn ihm die Luft ausgeht ist es egal, wie billig wir unsere Plastikkleidung kaufen können, die brauchen wir dann nämlich nicht mehr.
    Danke, dass ihr den Finger in die offenen Wunden legt.

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