- 25. November 2025
Unsere Kleiderschränke bergen ein unsichtbares Risiko. Mit jedem Waschgang unserer Lieblings-Sportshirts, Fleecejacken oder Synthetikblusen setzen wir winzige Fasern frei, die eine stille Bedrohung für unsere Gesundheit darstellen. Diese mikroskopisch kleinen Kunststoffteilchen, sogenanntes Mikroplastik, gelangen über das Abwasser in unsere Umwelt und kehren auf verschiedenen Wegen in unseren Körper zurück.
Kunststoffe sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie sind leicht, haltbar, vielseitig und kostengünstig. Doch genau diese Eigenschaften machen Plastik zu einem langfristigen Umweltproblem. Besonders wenn wir Kleidung aus synthetischen Fasern wie Polyester, Polyamid oder Polypropylen waschen, lösen sich tausende winzige Faserfragmente. Pro Person entstehen in Deutschland jährlich etwa 143 Gramm Mikrofasern allein durch Haushaltswäsche. Eine beachtliche Menge, wenn man bedenkt, wie leicht diese Partikel sind.
Besonders bei neuen Kleidungsstücken ist dieser Effekt stark ausgeprägt, da hier noch viele lose Produktionsfasern vorhanden sind. Doch auch bei älteren Textilien verursachen mechanische Belastung, hohe Waschtemperaturen und chemische Einflüsse durch Waschmittel einen kontinuierlichen Abrieb dieser Fasern. Diese Mikroplastikpartikel sind so klein, dass sie durch die Filtersysteme herkömmlicher Waschmaschinen und selbst fortschrittlicher Kläranlagen schlüpfen können.
Viele Kläranlagen in der EU verfügen noch nicht über die notwendigen vierten oder fünften Reinigungsstufen, die auch feinste Partikel zurückhalten könnten. Zudem wird Klärschlamm, der diese Partikel enthält, teilweise in der Landwirtschaft als Dünger eingesetzt. Damit gelangt Mikroplastik auf Felder und potenziell ins Grundwasser. Inzwischen findet sich Mikroplastik buchstäblich überall: im Wasser unserer Seen, Flüsse und Meere, in Böden und Sedimenten, in der Luft, die wir atmen, und sogar in unseren Lebensmitteln. Von dort findet es seinen Weg in die Nahrungskette und schließlich in unseren Körper.
Wissenschaftliche Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Mikroplastik auf den Menschen sind alarmierend. Sie haben Mikroplastikpartikel bereits in verschiedenen Teilen des menschlichen Körpers nachgewiesen: im Blut, im Lungengewebe, in Organen wie Leber, Nieren und Darm, in der Plazenta, in der Muttermilch und sogar im Gehirn, nachdem sie die Blut-Hirn-Schranke überwunden haben.
Besonders beunruhigend ist nicht nur das Mikroplastik selbst, sondern auch seine Eigenschaft als Träger für Umweltgifte und Krankheitserreger. An der rauen Oberfläche der Plastikpartikel können sich Pestizide, Schwermetalle oder Keime anlagern und so in die Nahrungskette und unseren Körper gelangen. Diese sogenannten Schadstofffrachten können die gesundheitlichen Risiken von Mikroplastik noch verstärken.
Besonders alarmierend ist der Nachweis von Mikroplastik in arteriosklerotischen Plaques. Eine italienische Forschungsgruppe der Università degli Studi della Campania “Luigi Vanvitelli” stellte fest, dass Patienten mit Mikroplastik in den Plaques ein 4,5-fach erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall aufwiesen. Ein Zusammenhang zwischen Mikroplastikbelastung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann nicht mehr ausgeschlossen werden.
Beunruhigend sind nicht nur diese gesundheitlichen Auswirkungen. Mikroplastikpartikel in der Größe von 1-10 Mikrometer können die Membranen unserer Zellen dehnen und so deren Stabilität verringern. Dies kann zu Entzündungsreaktionen führen. Studien zeigen sogar, dass Partikel in dieser Größenordnung die Metastasierung von Darmkrebszellen begünstigen können.
Zum anderen wirken diese Kunststoffteilchen wie Magnete für schädliche Chemikalien. Sie können Umweltgifte wie Dioxine, die als krebserregend gelten, und PCBs, die die Fruchtbarkeit schädigen können, binden und transportieren. So gelangen diese Schadstoffe konzentriert in unseren Körper und können dort ihre toxische Wirkung entfalten.
Langfristig besteht die Gefahr einer Anhäufung im Gewebe. Eine Forschungsgruppe um Matthew Campen von der University of New Mexico stellte fest, dass die Konzentration von Mikroplastik im Gehirn bis zu 30-mal höher sein kann als in Leber oder Niere. Besorgniserregend ist auch, dass Verstorbene mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Huntington-Krankheit, Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und Multiple Sklerose besonders hohe Belastungen aufwiesen. Genügend Gründe, um aktiver zu werden.
Das Problem wird sich in den kommenden Jahren verschärfen, wenn wir nicht gegensteuern. Der weltweite Konsum und die Produktion synthetischer Kleidung steigen stetig an. Fast Fashion und billiger Massenkonsum sind Trends, die dieses Wachstum befeuern. Gleichzeitig sind synthetische Fasern extrem langlebig und bauen sich in der Umwelt kaum ab. Die Mikroplastikbelastung in Gewässern und Böden nimmt daher kontinuierlich zu.
Warum wird trotz dieser beunruhigenden Erkenntnisse noch zu wenig unternommen? Wirtschaftliche Interessen spielen eine wichtige Rolle. Synthetische Textilien sind günstig in der Herstellung, vielseitig einsetzbar und für viele Anwendungen, besonders im Sport- und Outdoorbereich, momentan kaum zu ersetzen. Zudem fehlt es an verbindlichen gesetzlichen Regelungen, die Mikroplastikemissionen aus Textilien wirksam begrenzen würden.
Die Entwicklung alternativer Fasern und effizienter Filtertechnologien ist komplex und kostenintensiv. Viele Konsumenten sind sich der Problematik nicht bewusst oder bevorzugen weiterhin günstige, modische Kleidung aus Kunstfasern. Und nicht zuletzt können unsere Kläranlagen Mikrofasern nur teilweise zurückhalten, während Nachrüstungen mit besseren Filteranlagen teuer sind.
Angesichts dieser wachsenden Bedrohung wurde das EU-Projekt Life Blue Lakes ins Leben gerufen. Es wird getragen von der Bodensee-Stiftung, dem Global Nature Fund, der italienischen Organisation Legambiente und weiteren Partnern. Ziel ist es, strategisch gegen Mikroplastik in Binnengewässern vorzugehen, insbesondere in den Regionen rund um fünf ausgewählte Seen: Bodensee, Chiemsee, Gardasee, Trasimeno und Bracciano.
Das Projekt kombiniert technische Maßnahmen z.B. in Kläranlagen, kommunale Beteiligung und politische Empfehlungen in Form eines „Seenpapiers“, das Gemeinden hilft, Plastikverbrauch und Mikroplastikemissionen zu verringern. Solche Initiativen sind wichtige Schritte, um das Problem auf einer breiteren Ebene anzugehen.
Klingt alles beunruhigend. Ja, aber jeder von uns kann mit einfachen Maßnahmen dazu beitragen, das Problem zu verringern. Beginne bei deinem Waschverhalten. Wasche Kleidung aus synthetischen Fasern seltener und bei niedrigeren Temperaturen. Eine volle Trommel verursacht weniger Abrieb als eine halb gefüllte. Verzichte auf Weichspüler und nutze Kurzprogramme. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern auch deine Kleidung.
Investiere in Filter für Waschmaschinen, die Mikrofasern beim Waschen auffangen, bevor sie ins Abwasser gelangen können. Sie sind eine nachhaltige und sinnvolle Investition. Überdenke deine Materialwahl beim Kleidungskauf. Bevorzuge Naturfasern wie Baumwolle, Leinen, Hanf oder Wolle oder biologisch abbaubare Celluloseregeneratfasern wie Viskose, Modal oder Lyocell. Sie verursachen deutlich weniger Mikroplastikbelastung. Wenn du auf synthetische Fasern nicht verzichten willst, wähle hochwertige Produkte, die weniger Fasern verlieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Langlebigkeit. Je länger du deine Kleidung trägst und je seltener du sie ersetzt, desto mehr reduzierst du die Gesamtmenge an Mikroplastik, die durch Produktion und Waschen entsteht. Qualität statt Quantität ist hier die Devise. Lerne, kleine Reparaturen selbst durchzuführen, und pflege deine Lieblingskleidungsstücke.
Neben unserem persönlichen Handeln sind auch größere gesellschaftliche Veränderungen notwendig. Innovation und Forschung spielen dabei eine Schlüsselrolle. Die Entwicklung von Textilien, die weniger Mikrofasern freisetzen, sowie von biologisch abbaubaren Kunstfasern schreitet voran. Auch optimierte Kläranlagentechnologien könnten in Zukunft einen größeren Teil der Mikrofasern aus dem Abwasser filtern.
Politische Maßnahmen sind ein weiterer wichtiger Hebel. Die Förderung von Forschung, die Einführung von Grenzwerten für Mikroplastikfreisetzung und Anreize für nachhaltige Textilproduktion und -entsorgung könnten den Markt in Richtung umweltfreundlicherer Alternativen lenken.
Jede dieser Entscheidungen zählt. Gemeinsam können wir einen Unterschied machen – für unsere eigene Gesundheit, für die Gesundheit unserer Kinder und für die Umwelt, in der wir leben. Die Veränderung beginnt bei dir und mir. Und sie beginnt heute. Tschüss Fast Fashion, hallo bewusster Konsum, Qualität und Nachhaltigkeit.
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