Atomkraft und Wasser: Eine stille Verbindung mit weitreichenden Folgen
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Die Diskussion über die Zukunft der Energieversorgung wird häufig um die Pole Versorgungssicherheit, CO₂-Bilanzund Kosten geführt. In diesem Rahmen wird die Atomkraft oft als klimafreundliche Übergangstechnologie verteidigt.
Was dabei jedoch selten diskutiert wird, ist die intensive Wassernutzung von Kernkraftwerken. Ein Aspekt, der angesichts zunehmender Wasserknappheit an Relevanz gewinnt. Denn Energie und Wasser sind stärker miteinander verknüpft, als es auf den ersten Blick scheint.
Wasser ist in der Energieerzeugung eine unsichtbare Ressource
Thermische Kraftwerke, egal ob Kohle, Gas oder Atom, benötigen riesige Mengen an Wasser zur Kühlung. Dieses Wasser wird Flüssen oder Grundwasser entnommen und anschließend oft erwärmt zurückgeleitet. In Deutschland war der Energiesektor 2022 mit rund 6,59 Milliarden Kubikmetern der größte industrielle Wasserverbraucher. Zum Vergleich: Das gesamte verarbeitende Gewerbe, inklusive Chemieindustrie, verbrauchte etwa 5,15 Milliarden Kubikmeter.
Besonders relevant ist dabei ein spezifischer Wasserverbrauch.
Kernkraftwerke benötigen zwischen 1.912 und 2.294 Liter Wasser pro erzeugter Megawattstunde (MWh). Windkraft kommt dagegen mit 153 bis 406 Litern aus. Ein Bruchteil davon, die Solarenergie benötigt sogar nur minimale Wassermengen zur Reinigung der Module.
Atomausstieg führt zu messbarer Wassereinsparung
Ein oft übersehener Vorteil des deutschen Atomausstiegs: Er hat den industriellen Wasserverbrauch signifikant gesenkt. Zwischen 2019 und 2022 sank der Wasserverbrauch der gesamten Wirtschaft um 16,7 %, das entspricht rund 2,56 Milliarden Kubikmetern.
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung war die Abschaltung der drei Kernkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C Ende 2021, die allein zu einer Einsparung von 2,02 Milliarden Kubikmetern Wasser führte – also fast 80 % der gesamten Wassereinsparung in diesem Zeitraum.
Mit der Abschaltung der letzten drei AKWs (Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2) im April 2023 ist eine weitere signifikante Entlastung der Wasserressourcen zu erwarten. Genaue Zahlen dazu stehen jedoch noch aus.
Internationale Beispiele: Wasser wird zum limitierenden Faktor
Auch international zeigt sich ein ähnliches Bild: In den USA sind Atomkraftwerke für etwa 45 % des gesamten Süßwasserverbrauchs verantwortlich. In Schweden und Japan mussten Reaktoren wegen zu hoher Meerestemperaturen bereits abgeschaltet werden. Die Kühlung war schlicht nicht mehr effizient möglich.
In der Ukraine wurde nach dem Wegfall der Wasserversorgung für die Zaporizhzhia-Anlage ein Notbetrieb über Tiefbrunnen eingerichtet. Ein weiterer Hinweis darauf, wie abhängig ein sicherer Betrieb von stabilen Wasserquellen ist.
Mit zunehmender Wasserknappheit durch den Klimawandel, die Dürresommer und die sinkenden Grundwasserstände gerät dieses System unter Druck.
Der von Unionspolitikern gepriesene vermeintlich stabile Anker Atomenergie erweist sich nicht nur als unwirtschaftlich, sondern offenbart eine weitere grundliegende Schwachstelle.
Der ökologische Preis: Wärmeeintrag, Sauerstoffmangel, Artensterben
Neben der schieren Menge an Wasser, die entnommen wird, hat auch die Rückführung des erhitzten Kühlwassers in Flüsse und Seen weitreichende Folgen.
Sauerstoffmangel, Algenblüten und Artensterben gehören zu den ökologischen Konsequenzen, wenn Gewässer thermisch belastet werden. In Deutschland wurden allein 2020 rund 8,8 Milliarden m³ Wasser durch Energieversorger primär für Kühlzwecke entnommen.
Diese Eingriffe verändern ganze Ökosysteme, beeinträchtigen Fischbestände, gefährden Biodiversität und wirken sich letztlich auch auf die menschliche Wasserversorgung aus.
Die größere Verbindung: Wasser, Klima und Energiesicherheit.
Die Energieversorgung ist nicht isoliert zu betrachten. Sie steht in enger Wechselwirkung mit der Wasserverfügbarkeit, der Ernährungssicherheit und der globalen Stabilität.
In Ländern wie Indien oder den USA verursacht die energieintensive Wasserversorgung (Pumpen, Aufbereitung, Transport) bis zu 6 % der nationalen Treibhausgasemissionen.
Dürren führen zu Kraftwerksausfällen – thermische Kraftwerke (inkl. AKW) müssen bei Hitze oder niedrigem Wasserstand ihre Leistung drosseln. Frankreich etwa war davon bereits massiv betroffen.
Der Klimawandel wirkt als Katalysator.
Trockenheit reduziert die Grundwasserneubildung, was wiederum die Wasserversorgung der Kraftwerke erschwert. Ein Teufelskreis, aus dem man nur mit strukturellen Veränderungen herauskommt.
Lösungswege: Wasserschonend, klimafreundlich, zukunftsfähig
Es gibt bereits Technologien, die erneuerbar und zugleich wassereffizient sind.
Photovoltaik: Kaum Wasserbedarf, hohe Skalierbarkeit – selbst in trockenen Regionen.
Windkraft: Fast wasserfrei, unabhängig von Wasserquellen, auch offshore einsetzbar.
Geothermie mit geschlossenem Kreislauf: Nachhaltig nutzbar, bei guter Planung äußerst ressourcenschonend.
Grüner Wasserstoff: Zwar mit Wasserbedarf bei der Elektrolyse, aber im Vergleich zu thermischen Kraftwerken relativ wasserarm.
Meeresenergie: Nutzt die kinetische Kraft der Wellen ganz ohne Entnahme oder Erwärmung von Süßwasser.
In der Kombination bieten diese Technologien einen Weg zu einer resilienten, emissionsarmen und wasserfreundlichen Energiezukunft.
Warum nicht darauf bauen?
Atomkraft im Wasserblick neu bewerten
Während Merz und Söder die Rückkehr zur Atomkraft fordern, arbeitet Wirtschaftsministerin Reiche an Regeln, die den Ausbau der erneuerbaren Alternativen ausbremsen. Ausgerechnet jener Technologien, die Wasser sparen, bezahlbar sind und die Abhängigkeit von Kühlwasser reduzieren.
Die Union forciert die Debatte mit dem Argument der Versorgungssicherheit und Klimaneutralität. Doch wer genau hinschaut, erkennt, dass diese Argumentation nicht nur die realen Risiken für unsere Wasserressourcen ignoriert, sondern auch wirtschaftliche Interessen verschleiert.
Atomkraft war nie ein günstiger und effizienter Weg, Energie zu erzeugen. Sie war ein Projekt, das Milliarden an Subventionen verschlang, Abhängigkeiten schuf und Gewinne für wenige bedeutete. Die Rückkehr zur Atomkraft bedeutet nicht Fortschritt, sondern ein Festhalten an überholten Strukturen, die wenigen nützen und vielen schaden.
Statt mutig in eine dezentrale, demokratische und ressourcenschonende Energiezukunft zu investieren, möchte die Union offenbar alte Machtverhältnisse zementieren. Zementieren zugunsten großer Konzerne und auf Kosten unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Fortschritt sieht anders aus.
Er setzt auf Technologien, die nicht nur CO₂-neutral, sondern auch wasserschonend, bezahlbar und zukunftsfähig sind.
Die Zeit für ideologische Rückwärtswenden ist vorbei.
Jetzt ist die Zeit, kluge Entscheidungen für Mensch, Klima und Wasser zu treffen.
Quellen:
Die Rolle der Kernenergie in der globalen Wasserkrise
Wasserressourcen und ihre Nutzung