Plastikverpackungen: Können Algen-Biokunststoff eine Alternative sein?
Admin
Schon einmal am Strand gepicknickt? Ein Windstoß und Plastikfolie oder Verpackung steigt auf und verschwindet in den Dünen. Nach wenigen Minuten verdrängt, vergessen, niemand denkt mehr daran. Millionen solcher Momente mit Plastikverpackungen passieren täglich, überall auf der Welt.
Dabei verschwindet dieses Plastik nicht. Es zerfällt in immer kleinere Partikel, die sich im Trinkwasser finden, in Meeresfrüchten, im menschlichen Blut. Die Verpackungsindustrie weiß das und sucht seit Jahren nach einer nachhaltigen Alternative zu Plastikverpackungen, die nicht nur gut klingt, sondern wirklich funktioniert.
Und hier kommt Noriware, ein junges Schweizer Climate-Tech-Unternehmen, ins Spiel. Noriware entwickelt plastikfreie, kompostierbare Verpackungen aus Meeresalgen, die auf bestehenden Verpackungsmaschinen laufen und herkömmliche Kunststofffolien ersetzen sollen.
Was sind Verpackungen aus Algen?
Verpackungen aus Algen sind biobasierte Kunststoffe, die aus Meeresalgen gewonnen werden und als umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichem Plastik dienen. Sie sind darauf ausgelegt, biologisch abbaubar zu sein, sich ohne Mikroplastik zu zersetzen und im besten Fall im heimischen Kompost zu verrotten.
Rohstoffbasis: Warum Algen statt Mais oder Zuckerrohr?
Die Vision beginnt beim Rohstoff selbst. Algen wachsen im Meer, dort, wo andere Nutzpflanzen nicht wachsen können. Sie benötigen keine Ackerflächen, kein Süßwasser und konkurrieren nicht mit der Nahrungsmittelproduktion. Damit umgehen sie Probleme wie Flächennutzungskonflikte und den Einsatz von Düngemitteln, die Biokunststoffe aus Mais oder Zuckerrohr seit Jahren begleiten.
Dieses Potenzial wird auch von der Wissenschaft bestätigt. Ein Review im Fachjournal „Algal Research“ und weitere Arbeiten zu algenbasierter Biomasse bewerten Algen als eine vielversprechende Rohstoffbasis für nachhaltige, biobasierte Kunststoffe, die sich für Verpackungsanwendungen eignen.
Noriware stellt aus der Algenbiomasse Granulate her, die sich zu Folien und Formteilen weiterverarbeiten lassen. Unter Produktnamen wie „Norifilm", „Norifresh" oder „Noricup" entstehen flexible Verpackungslösungen, die heimkompostierbar sind und keine Mikroplastikpartikel hinterlassen.
Dass dieser Ansatz grundsätzlich funktioniert, wird durch die wissenschaftliche Literatur zu Biokunststoffen auf Algenbasis gestützt. Studien und Entwicklungsprojekte zeigen, dass algenbasierte Materialien zu biologisch abbaubaren Verpackungsfolien verarbeitet werden können, zum Beispiel als Lebensmittelverpackung, Agrarfolie oder Standbeutel.
Wie schnell der Abbau erfolgt und unter welchen Bedingungen er stattfindet, hängt vom jeweiligen Produkt und seiner Zusammensetzung ab. Faktoren wie Temperatur, Feuchtigkeit und Mikroorganismen im Kompost oder in der industriellen Kompostierung spielen eine entscheidende Rolle.
Wie klimafreundlich sind Algenverpackungen wirklich?
Noriware kommuniziert, dass „Norifresh" den CO₂-Fußabdruck im Vergleich zu herkömmlicher PET-Verpackung um bis zu 89 Prozent reduziert. Das ist eine Herstellerangabe, aber sie steht im Einklang mit den Ergebnissen einer Lebenszyklusanalyse der Universität Aalborg zu braunalgenbasiertem Biokunststoff. Diese Analyse zeigt, dass Algenkunststoffe in optimierten Prozessketten mit angepasster Energieversorgung die Klimabelastung fossiler Vergleichsmaterialien deutlich unterschreiten können.
Entscheidend sind dabei Trocknung, Transport und Energiequelle für die Produktion, genau jene Parameter, die ein gut designtes Industriesystem adressieren kann. Die Richtung stimmt, die unabhängige Verifikation für Noriwares spezifische Produkte steht jedoch noch aus. Das ist bei einem jungen Unternehmen in dieser Phase nicht ungewöhnlich, wird aber der nächste wichtige Schritt sein.
Von der Theorie in die Produktionshalle: erste Praxisbeispiele
Das überzeugendste Argument für Noriware ist nicht eine Studie, sondern eine Produktionslinie. Die Schweizer SCHELLING AG, ein etablierter Verpackungsspezialist, hat gemeinsam mit Noriware Plastik-Sichtfenster in Kartonverpackungen durch Algenfolien ersetzt. Dabei liefen die Folien auf den bereits vorhandenen Maschinen, ohne grundlegende Umrüstung. „Schnell und effizient 1:1 einsetzbar", so beschreibt Schelling die Erfahrung.
Für Verpackungsunternehmen heißt das, dass bei einem Wechsel zu Algenfolie als nachhaltiger, plastikfreier Verpackung die vorhandene Infrastruktur genutzt werden kann. Die Innovation dockt an das an, was bereits existiert, und reduziert so Umstellungskosten und Risiko.
Das ist keine Strategie des Zufalls. Seit Everett Rogers' klassischer Diffusionsforschung wissen wir, dass neue Technologien sich dann am schnellsten verbreiten, wenn sie mit bestehenden Routinen und Infrastrukturen kompatibel sind. Die ersten erfolgreichen Praxistests, die Noriware vorweisen kann, sprechen dafür, dass dieser Vorteil trägt.
Daher arbeitet Noriware jetzt daran, seine erste Produktionslinie für flexible Verpackungsfolien für Trockenprodukte auf den Markt zu bringen, zunächst in der Schweiz und in Deutschland.
Chancen und offene Fragen: ein ehrlicher Ausblick
Es wäre vermessen zu behaupten, Noriware löst jetzt alle Probleme der Verpackungsindustrie. Großskalige Algenkultivierung braucht sorgfältige ökologische Planung, damit neue Nutzungen nicht zu Übernutzung oder neuen Umweltauswirkungen führen. Die Klimabilanz hängt vom Energiesystem ab, das die Herstellung der Algenverpackungen versorgt, und je mehr Algen-Biokunststoff produziert wird, desto wichtiger wird eine funktionierende Kompostinfrastruktur.
Trotzdem adressiert das Unternehmen ein echtes Problem. Es entwickelt zu Plastikverpackungen eine biobasierte Verpackungsalternative, die wissenschaftlich plausibel ist, erste industrielle Referenzen vorweisen kann und Verpackung neu denkt, ohne die Realität der Industrie zu ignorieren.
Manchmal ist der schwierigste Teil einer Innovation nicht die Vision, sondern die Suche nach einem Weg, auf dem sie in der Zukunft ankommen kann.
Noriware scheint einen solchen Weg gefunden zu haben.
Quellen:
noriware X Schelling. Eine Partnerschaft mit nachhaltiger Wirkung.
Algen - eine künftige Alternative zu Plastik?